Jahresbericht 2025

"Geschwindigkeit und Schönigkeit": Jahresbericht 2025

Als wir uns im Sommer 2025 in eine Retraite begaben, um an unserem Konzept weiterzudenken, blieb ein Satz hängen: «Eine Qualität unserer Arbeit liegt darin, den Dingen ihren Lauf lassen zu können.» Was ist damit gemeint? Ein Beispiel aus dem Alltag:

Efe beginnt heute ein Bild. Alleine zieht er sich in den kleinen Raum zurück und beginnt auf die Wand zu zeichnen. Nach und nach entstehen Häuser, Strassen, Menschen, ein Glacéwagen, ein Helikopter, ein brennender Heissluftballon und drei Flugzeuge. Acht Parkplätze zeichnet er rechtwinklig zur Wand auf das Fensterbrett. Nach einer konzentrierten halben Stunde teilt uns der 8-jährige Bub mit, dass das Bild nun fertig sei. Gemeinsam betrachten wir die Stadt, mutmassen über die darauf abgebildeten Szenen und staunen über die so plötzliche Welterschaffung. Während wir noch am Reden sind, zeichnet Efe schon weiter.

Im Verlauf der nächsten zwei Stunden wiederholt sich dies mehrmals: Mindestens viermal teilt uns Efe mit, dass er nun fertig sei. Immer wieder zieht es ihn aber zurück zur Zeichnung, immer länger werden die Abstände, bis er den Abschluss ausruft. Er spürt es selbst: Solange die Zeichnung ihn in ihrem Bann hält, ist sie noch nicht fertig.

Den Dingen ihren Lauf lassen – das hat etwas mit einer anderen Zeiterfahrung zu tun. Dabei liegt die Qualität nicht in erster Linie in der vielbesungenen Entschleunigung unserer ach so schnellen Zeiten. Eher geht es um die Erfahrung einer – inneren Zeit. Kulturelle Erfahrung, so schreibt Peter von Matt einmal, heisst: sich der Sache zu stellen und ihr gegenüber einzutreten in die eigene Zeit, herauszutreten aus den Geschwindigkeitsregeln und Effizienzbefehlen der Zivilisation[1].

Seine eigene Zeit auszuhalten – im Akt der kulturellen Erfahrung – heisst immer auch ein Stück weit sich selbst auszuhalten. Diese schwierige Aufgabe der Sinngewinnung muss von jeder und jedem selbst geleistet werden.

Wie anspruchsvoll das ist, wie unangenehm sich das bisweilen anfühlen kann, bezeugt die Tatsache, wie oft der Vorgang abgebrochen wird. In der Druckstelle finden sich die Spuren solcher Abbrüche in jedem Winkel: rätselhafte angefangene Zeichnungen, Textfragmente, im Entstehen steckengebliebene Skulpturen – lauter Anläufe, in denen der Lauf dann ausblieb, sei es, weil gerade etwas anderes interessanter wurde, sei es, weil Pausen, Stockungen und Leerläufe in der eigenen Zeit so schwer auszuhalten sind.

Schnell geraten wir dabei nämlich in Konflikt mit der offiziellen Zeit. Diese scheint uns oftmals vertrauter als unsere innere Zeit – wir besitzen mehr Erfahrung mit ihr. In sie wurden wir, ob wir nun wollten oder nicht, von früh auf eingeschult, wurden ihrem Diktat untergeordnet. Ihre Berechnungsweise, in welcher der Wert einer Arbeit allein nach der Anzahl verbrauchter Minuten bemessen wird, diese auch für Kinder leicht zu verstehende Ökonomie, ist uns geläufig. Ganz anders dagegen die eigene Zeit: In ihr muss ich auf das ‘Vorwärtskommen’ verzichten. Auch lässt sich der Vorgang – wo immer er hinführt - nicht mit gleichem Ergebnis beschleunigen. Ich finde mich in einer Bewegung wieder, von der nicht klar ist, wo ihr Ziel liegt, ob sie je zu einem Abschluss kommt und was auf diesem Weg mit mir passiert. Das kann unheimlich sein. 

Nebst allem, was die Druckstelle ist – Spielplatz für ästhetische Praxis, sozialer Treffpunkt, Ort der Verzettelung, Verlag für Sonderbares, etc., – immer ist sie auch ein Raum, in dem die Begegnung mit der eigenen Zeit einen hohen Stellenwert hat. Die Momente, in denen dies gelingt, und sei es auch nur für vertiefte fünf Minuten im Umgang mit einem Material oder angesichts einer kunstvollen Sache können in ihrem Wert nicht überschätzt werden.

Die Fragen, die dabei auftauchen, betreffen andere Dinge als jene, die unmittelbar das Überleben sichern oder die Erfordernisse des Alltags bewältigen. Es sind Fragen, auf die es nicht mal eindeutige Antworten gibt. Und dennoch geschieht es, dass man im Aushalten der eigenen Zeit, im Umgang mit Bildern und Geschichten, in der Auseinandersetzung mit den Vorgaben der Kultur, den Platz, den man in dieser Welt einnimmt, ein bisschen klarer sieht. Der Sinn, der daraus erwächst – von innen heraus, wie sich Sinn nur je von innen heraus ergibt – hilft einem, seinen Standpunkt besser zu verorten. Teilhabe an Kultur heisst in diesem Sinne nichts anderes, als sich jenen Fragen zu stellen, welche sich die Menschen seit jeher stellten, um nicht nur ihr Überleben zu sichern, sondern auch den Sinn dieses Weiterlebens zu erfahren. Oder wie der 8-jährige Shu einmal bemerkte: Es geht nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um Schönigkeit (dies im Zusammenhang mit seinen selbst entwickelten Papierfliegern).

Den Dingen ihren Lauf lassen, der Verzicht auf fixe Abläufe – das tönt danach, als ob bei uns immer alles ohne Widerstand gleitet. In Wirklichkeit sind diese Prozesse alles andere als reibungslos. Um den individuellen Arbeitsweisen und unterschiedlichen Tempi der fünf- bis zwölfjährigen Kinder gerecht zu werden, braucht es gebündelte Energie, kreative Beweglichkeit und eine hohe Präsenz. 

Bei manchmal bis zu dreissig Besucherinnen und Besuchern gelingt es nicht immer, die verschiedenen Läufe zusammenzuhalten. Der Fluss bahnt sich dann zu einem ungestümen Strom an, in dem sich einige nur noch treiben lassen können.

Und nicht selten gerät der Lauf ins Stocken. In der Intensivwoche in den Frühlingsferien 2026 ergab sich so eine Situation: Nach einem Einstieg finden wir die Überleitung nicht ins eigenständige Schaffen. Vor uns stehen 27 Kinder, viele davon zum ersten Mal in der Druckstelle, und alle wissen nicht, was nun zu tun sei. Es macht sich eine Ratlosigkeit breit, eine spürbare Verunsicherung, die sich auch auf uns Erwachsene überträgt. Wir wissen tatsächlich auch nicht weiter und beschliessen – mehr aus Hilflosigkeit denn als bewusste Entscheidung –, die Situation laufen zu lassen. Wie schön war es, zu sehen, dass uns Hilfe von denjenigen Kindern kommt, die oft in die Druckstelle kommen. Sie sind mit der spezifischen Arbeitsweise vertraut, also prozesserfahren und krisenerprobt durch unzählige Nachmittage im Ringen mit der eigenen Zeit. Die unverhofft entstandene Leerstelle nutzen sie genüsslich aus, entwickeln flugs ihre eigenen Ideen und ziehen so auch die anderen Kinder mit.

Es sind diese Momente, die uns in unserer Weiterarbeit bestärken. Es ist klar, dass diese nicht unhinterfragt weitergeht, sondern immer wieder neu zur Debatte fordert. Trotz der fragilen Bedingungen was die Finanzen und auch die wechselhaften Besucherströme betrifft, sind wir gespannt, welchen Lauf die Druckstelle auch in Zukunft nehmen wird. 

Mathis Rickli, Mai 2026


[1] Peter von Matt – Die verdächtige Pracht, S. 329

 

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